Am Beginn des Aufenthalts stand ein Herz-Kreislauf-Training auf dem Programm, danach eine videounterstützte Funktionsanalyse der Wirbelsäule und zum Schluss ein Stresstest. In dem großen, lichtdurchfluteten Raum warteten eine Ärztin und ein Sporttherapeut neben dem ?Fahrradergometer?. Ich begann locker in die Pedale zu treten. Die beiden Fitnessprofis beobachteten mich dabei, erhöhten stufenweise die Belastung und lächelten mir ermutigend zu.
Was wie ein gemütliches Radeln rund um den Neusiedler See begann, entwickelte sich zu einer Mountainbike-Tour im Hochgebirge. Nach zirka 30 Minuten durfte ich aufhören. Das Resultat meiner Leistung kam in Form eines Blatt Papiers aus dem Drucker. Auf dem Briefkopf stand fett mein Name und darunter: ?Trainingsvorschlag?. Es klang in meinen Ohren eher wie ein Appell. Ans Herz gelegt wurde mir ein Ausdauertraining im Umfang von mindestens 60 Minuten, zweimal bis dreimal die Woche. Trainingsherzfrequenz: 100?125 Schläge pro Minute. Abschließend versprach ein kurzer Text: ?Dieses extensive Training wird maximale Körperfettverbrennung bringen, den Blutdruck regulieren, einen Herzinfarkt vermeiden, einem Schlaganfall bzw. Gefäßerkrankungen vorbeugen, Stress abbauen und das Immunsystem stärken.? Auf meine Frage, ob dreimal wöchentlich eine Stunde ernst gemeint sei, nickten die beiden. Angesichts meiner verhältnismäßig guten Verfassung sei dieses Pensum mir durchaus zuzumuten. Das hat man davon!
Die nächste Übung war weniger schweißtreibend. Gerhard klebte weiße Punkte auf die Dornfortsätze meiner Wirbelsäule und forderte mich auf, hin- und herzugehen. Dabei filmte er mich mit der Videokamera. Dann hieß es: ?Nach vorn beugen, zur Seite beugen, noch einmal vor- und zurückgehen?. Danach schauten wir uns das Video an. ?Alles soweit okay?, kommentierte Gerhard die Aufnahmen. Es waren weder Bewegungseinschränkungen festzustellen noch Asymmetrien oder Haltungsfehler. Woher kommen dann die Rückenschmerzen? Die Antwort brachte interessante Erkenntnisse: Die Ursachen der Schmerzen sind nicht unbedingt dort zu suchen, wo es wehtut. Um die Schmerzsituation im Bereich der Lendenwirbelsäule zu verbessern, müssten der Hüftbeugermuskel sowie Bauch und Po trainiert werden, und zwar täglich. Gerhard: ?Das Baden in warmem Thermalwasser tut gut, kann aber nicht als Gesundheitsvorsorge gelten.? Dann exerzierte er mir drei Basisturnübungen vor, die die Kernzonen Hals/Nacken, Bauch und Hüftbeugermuskel festigen sollen. Vorausgesetzt, ich wiederhole sie täglich.
Der PC und ich
Mit der Warnung ?Sie werden erschrecken? verließ Gerhard kurz darauf den Raum und ließ mich mit einem PC allein, an den er mich mit Elektroden angeschlossen hatte. Ich starrte auf den Bildschirm. Lange Zeit passierte nichts. Er hat vergessen, das Computerprogramm zu starten, dachte ich. Plötzlich ein fürchterlicher Krach. Wie zu erwarten, erschrak ich ziemlich. Danach wieder lange Zeit nichts. Kein Bild, kein Ton. Dann Gerhards freundliches Gesicht in der Tür: Wie geht es Ihnen? Der Stresstest war offenbar zu Ende. Durch Biofeedback, wie diese Methode heißt, könne auf schnelle Art und Weise, erklärte Gerhard, Einblick in das Stressverhalten einer Person gewonnen werden. Den Test haben Psychologen und Psychotherapeuten in den 70er Jahren entwickelt, um die psychophysiologischen Reaktionen auf kurze Stressmomente zu erfassen. Vor, während und nach der Stressbelastung misst der Computer drei Dinge: den Hautwiderstand ? er sagt einiges über den Grad der inneren Erregung aus; die Atmung ? jemand, der unter Stress steht, hält den Atem an oder atmet flacher; und die Pulsfrequenz ? je aufgeregter man ist, desto höher ist der Puls.
Alle diese Reaktionen lassen sich auf dem Bildschirm in Form von Diagrammen ablesen und werden auf Papier ausgedruckt. Gerhards Resümee: ?Es fehlt Ihnen die geeignete Atemtechnik, um mit situationsbezogener Spannung fertig zu werden. Doch machen Sie sich nichts draus: Auch wenn das Atmen zu den selbstverständlichsten Dingen der Welt gehört, gibt es Methoden, es zu erlernen.?
Vorsorgemedizin im Hotelgewerbe
Professor Dr. Rudolf Schabus
»Ich empfehle ein umfangreiches Sportangebot als erste und billigste Prävention. Die Gäste fühlen sich ganz schnell nicht nur physisch, sondern auch psychisch besser, wenn sie ihren Körper bewegen, und sind im Allgemeinen zufriedener. Zu einem gut ausgerüsteten Spa-Bereich gehört eine große Auswahl an Möglichkeiten für körperliche Aktivität. Auch Sauna, Massage, Meditation und Yoga dürfen nicht fehlen.
Für einen seriösen Gesundheitscheck braucht der medizinische Laie, welcher ein Hotelbetreiber in der Regel ja ist, die richtigen Fachleute. Es gibt zwar Fitnessgeräte, die den Körper testen, ein richtiger Check gehört jedoch in die Hand eines Arztes, denn das menschliche Gespräch und die Kompetenz eines Mediziners spielen dabei eine wichtige Rolle. Ein Patient mit Übergewicht etwa könnte ganz leicht vom Herzinfarkt bedroht sein, wenn er sich einfach auf ein Fitnessgerät stellt, ohne vorher fachlichen Rat eingeholt zu haben. Gesunde Ernährung, ausreichend geführte und aktivierende Bewegungsangebote, Information, Prävention ? das sind die großen Schlagworte für einen modernen Hotelbetrieb, der in die Zukunft blickt. Nicht unwesentlich ist dabei der Grundgedanke, ein Hotel und kein Sanatorium zu sein. Denn wer rechtzeitig vorsorgt, braucht später nicht heilen. Der Gast möchte sich Informationen nach Hause mitnehmen, sich gesund ernähren und fit halten. Ein engagierter Arzt, der von allem eine Ahnung hat, eventuell ein Ernährungsberater und ein Physiotherapeut beziehungsweise ein Wellness-Trainer stehen ihm dabei als Team mit Rat und Tat zur Verfügung. Medizinische Kompetenz als Basis ist dafür perfekt.«
Univ.-Prof. Dr. Rudolf Schabus ist Sportmediziner, war jahrelang Teamarzt des Österreichischen Tennisverbandes, betreuender Arzt des Daviscup-Teams und ist immer noch Vertrauensarzt vieler österreichischer Spitzensportler. Seine Privatklinik befindet sich in der Pelikangasse15, 1090 Wien.
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